Warum XR keine Verdammnis verdient, sondern kritische Begleitung

Hach ja, Extinction Rebellion: Wie können die es nur wagen, nicht so zu sein wie [bitte Gruppierung einsetzen]. Jetzt wogt ja die Debatte schon einige Zeit, und selbst Jutta Ditfurth fühlte sich bemüßigt, ausgerechnet der FAZ ein Interview zu Extinction Rebellion (XR) zu geben, offensichtlich in Kauf nehmend, dass sie so das negative bürgerliche Narrativ zu XR stärkt, kann jetzt doch selbst der FAZ-Leser auf sie verweisen und sagen: „Seht ihr, die Linken finden die auch scheiße. Selbst die Ditfurth.“ Großartig! Soll man also jetzt wie die Grande Dame der deutschen Linken XR in Bausch und Bogen verdammen? Nein. Anbei ein paar Gründe – in den Repliken auf die gängigsten Vorwürfe.

XR sind keine Linken
Stimmt. Das haben sie auch nie behauptet. Aber wenn sich eine neue Protestbewegung formiert, in der viele eher aus dem linken Spektrum (aber nicht nur) aktiv sind, sollte man sich darüber freuen, dass sie offensichtlich anschlussfähig bis ins bürgerliche Lager sind, anstatt genau dies zu verdammen. Anschlussfähigkeit geht nämlich in beide Richtungen: Linke können bürgerliche Argumentationsmuster übernehmen, Bürgerliche aber auch linke. Da sollte man sich eher dafür einsetzen, dass Letzteres passiert, nicht Ersteres. Dazu braucht es Kontakt, keine Ablehnung.

Die sind nett zur Polizei
Ja, sind sie. Die PARTEI übrigens auch. Fridays for Future auch. Bei beiden hatte bisher keiner ein Problem damit. Nur weil XR auf andere Aktionsformen setzt als Die PARTEI und FFF müssen sie jetzt ebenso wie andere, die diese Aktionsformen nutzen, einen Konfrontationskurs gegenüber der Polizei fahren? Wo steht das denn geschrieben? Eine Deeskalationsstrategie gegenüber der Polizei ist übrigens integraler Bestandteil der Anschlussfähigkeit ins bürgerliche Lager.

Nazis versuchen, die zu unterwandern und XR lässt Rassisten und Sexisten zu
Nazis versuchen, jede entstehende Bewegung zu unterwandern. Denn die weiß im Zweifel noch nicht, wer da mitmarschiert. Auch bei den Grünen gab es einmal in ihren ganz frühen Jahren den „Deutscher Baum auf deutschem Boden“-Flügel. Da XR immer noch im Entstehen begriffen ist, sollte man sie deutlich und bestimmt auf Nazis hinweisen, die mitblockiert haben. Dann muss die jeweilige Gruppe Farbe bekennen: Lässt sie die Faschos weiter mitmachen, ist sie für Kooperationen gestorben, schmeißt sie sie raus, ist alles gut.
Bezüglich der ausgesprochen dummen Aussagen des Herrn Hallam zu „ein bisschen Rassismus und „ein bisschen Sexismus“, den er bei XR zulassen möchte (Link fürt zum ND, Aussage war jedoch in der Zeit, die den Artikel aber hinter der Paywall hat): Nö. Geht gar nicht. Aber auch da gilt: Hallam ist nicht XR, auch wenn er Mitgründer war. Denn XR ist keine marxistisch-leninistische Kaderorganisation, in der ein ZK vorgibt, was zu tun und zu sagen ist. Ob es Bestrebungen in Richtung Kaderorganisation gibt, verschließt sich mir. Hat da jemand Einblick?

Das ist eine Weltuntergangssekte
Am widersinnigsten scheint mir der Vorwurf der Weltuntergangssekte. Leute, das ist FDP-Niveau. Denn das ist der Kern der Linder-Aussage bezüglich „Den Profis überlassen“: Die Kinderchen sind jetzt bitte mal still mit ihrem Rumgeheule und es zieht endlich Sachlichkeit ein. Toll, dass man da jetzt argumentativ auf einer Wellenlänge ist. Klar sind XR alarmistisch. Klar argumentieren im Zweifel nicht mit solidem theoretischem Background sondern eher gefühlig (Und das auch nur auf der politischen Ebene. Auf der für die Klimakatastrophe ja irgendwie auch relevanten naturwissenschaftlichen Ebene sind viele XR-ler äußerst sachlich und fundiert). Genau das macht übrigens Fridays for Future in vielen Fällen auch. Distanzieren sich linke Gruppierungen da? Nein. Die suchen zurecht den Kontakt zu FFF.
„Und diese ganzen Eso-Spinner?“ Das ist doch jetzt der kommende Einwand, oder? Ja, die gibt es. Und die gilt es als das darzustellen, was sie sind: Eso-Spinner. Die sind meines Erachtens nicht in der Mehrheit. Sorgen wir doch dafür, dass sie noch mehr in die Minderheit geraten. Name them, blame them, shame them. Kennt man doch.

Die versuchen, da Geld zu machen
Oh. Wow. Tja, das soll bei nicht-linken Gruppierungen schon mal vorkommen. Ist inzwischen übrigens nicht mehr aktuell, so viel mir bekannt. Da hat sie wohl jemand darauf hingewiesen, dass das vielleicht nicht so toll ist und die Gruppe von XR, die das vorhatte, hat reagiert. Das ist ja eigentlich eher vorteilhaft, oder?

Zum Schluss: Linkes Sektierertum
Von der Kanzel herab ist das Urteil über eine Gruppierung schnell gesprochen, der Stab schnell gebrochen. Man muss nur irgendeine reine Lehre definieren und schon sind die anderen bestenfalls dumm, schlimmstenfalls böse. Das allerdings zeigt nur das alte Problem der deutschen Linken: Die unbedingte Lust, sich lieber gegenseitig zu zerfleischen statt zusammen einen durchaus erkannten gemeinsamen Gegner anzugehen. Das gilt seit über 100 Jahren innerhalb der deutschen Linken und noch viel mehr bei Gruppierungen, die nicht so recht zur Linken gehören. Erstaunlich ist für mich vielmehr, warum der Beißreflex bei FFF bisher nicht kam, obwohl die, bis auf die Aktionsformen, kaum von XR zu unterscheiden sind.
Das es angesichts der bereits beginnenden Klimakatastrophe klug wäre, möglichst breite Bündnisse zu schaffen, muss ich eigentlich nicht … Ah, doch muss ich. Deswegen ja dieser Text.

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