Burka und Wüste. Foto: AfghanistanMatters (Flickr/Wikimedia Commons; Creative Commons Attribution 2.0 Generic license)

Vollverschleierung im Kopf

tl;dr: Julia Klöckner macht in der Welt in Sachen Burkini, Vollverschleierung und Kopftuch auf knuffig liberal und differenziert, spielt aber doch wieder nur die Rechtsaußenkarte.

„Toleranz müssen wir hart durchsetzen“? Liebe Julia Klöckner, der könnte von der Satire-Partei Die PARTEI sein. Respekt.

In Duktus und satirischer Zuspitzung nicht ganz so gelungen ist der Rest ihres Texts auf welt.de zu Kopftuch, Burkini und Vollverschleierung. Aber das mit dem Inhalte überwinden haben sie voll drauf. Sie verzichten nämlich auch in der von ihnen mit angezettelten Wertedebatte darauf, auch nur einen Wert zu benennen – jenseits des Geklimpers mit Worthülsen. Das könnte die Rassistenfraktion, die sie ansprechen wollen, schließlich verunsichern.In medias res: Zu Beginn steht die Lüge. Denn auf ihre Kosten kommen in ihrem Text entgegen ihrer Behauptung eben nicht die politischen Ränder, sondern all jene, die diesen Muslimen schon immer mal zeigen wollten, wie man sich hier zu benehmen hat. Nicht auf ihre Kosten kommen keineswegs nur radikale Linke, sondern auch Liberale und Sozialdemokraten (Nein, das ist nicht deckungsgleich mit FDP und SPD. Gar nicht.).

Und die Extremismuskarte so früh zu spielen, bringt ja anscheinend Vorteile: Sind Links- und Rechtsextreme nicht das Gleiche? Haben Linksextreme in Deutschland nicht über 100 Menschen umgebracht – seit der Jahrtausendwende? Oh. Das waren die Nazis? Sowas. Aber waren Stalin und Hitler nicht gleich schlimm? Waren die Gulags nicht irgendwie auch KZs? Willkommen im Lager der Holocaustrelativierer. Den einen Vorteil bringt es: Belesene Faschisten (Damit könnte man AfD-Funktionäre meinen. Oder auch nicht.) wissen jetzt, dass Frau Klöckner ihnen in die Karten spielt und freuen sich.

Linksextremist ist bei Julia Klöckner bereits, wer ein „Liebhaber der ‚Hauptsache-Vielfalt-Fraktion‘“. Das reicht heutzutage schon. Früher musste man wenigstens noch Kommunist sein, um als linksextrem zu gelten. Heute reicht eine gewisse Liberalität.

Immerhin schätzt Julia Klöckner eines richtig ein: Bei Kopftuch, Burkini und Vollverschleierung geht es um Frauen. Immerhin. Reaktionäre Männer halten nicht viel von Frauen. Für sie sind sie minderwertig. Auch hier: Volle Punktzahl, Frau Klöckner. Doch die Emanzipationskarte wird nur spielt, wenn es um muslimische Reaktionäre geht. Die eigenen, biodeutsch-christdemokratischen Reaktionäre hat Julia Klöckner bisher nie angegangen. Klingt seltsam? Ist aber so.

Dafür bekommen’s nun die Genderer und Feministinnen ab. Iieh, Binnen-I; igitt, Frauenquote: Da schäumt’s dem biodeutschen Reaktionär vorm Mund, da ist er eins mit der stellvertretenden CDU-Bundesvorsitzenden, da kann er endlich sogar sagen: Seht her! Ich bin für Frauenrechte. Ist er aber nicht. Er ist weiter nur für rechte Frauen. Oder in diesem Fall für Julia Klöckner.

Dass Klöckner auch in diesem Part wieder lügt: geschenkt. Keine Feministin, keiner, der emanzipatorische Politik betreibt, findet Niqab und Burka toll. Aber egal: Der Kulturrelativismusvorwurf ist so schön einfach: „Ihr wollt, dass die das dürfen, weil deren Kultur so ist.“ Diesen Unsinn will niemand – Salafisten, Nazis und ähnliches Pack ausgenommen. Doch dieser Unsinn zeigt wunderschön, in welchen Kulturbegriffen Julia Klöckner denkt.

Absurdistan ist nahe, denn nun werden die einzelnen Kleidungsstücke unter die Lupe genommen. Beweisstück eins: Der Burkini. Der stehe für ein vormodernes Frauenbild und gefährde die mühsam erkämpfte Gleichberechtigung. Das muss man erst einmal sacken lassen. Nicht, dass diese Aussage falsch wäre. Sie unterschlägt nur ein kleines, aber wichtiges Detail: Die mühsam gegen das vormoderne Frauenbild der CDU und anderer konservativer und reaktionärer Parteien erkämpfte Gleichberechtigung.

Na gut, dann weg mit dem Burkini, oder? Und mit der Burka sowieso. Und dem Niqab und dem ganzen Gelumps. Wer will, dass muslimische Mädchen dann gar nicht mehr oder nur unter Zwang und in Abwehrhaltung am Schwimmunterricht teilnehmen und sich aufgrund dessen eher mit jenen, die eine reaktionäre Religionsauffassung haben solidarisieren statt diese kritisch zu hinterfragen, der fordere ein Burkiniverbot im Schwimmunterricht. Und wer macht das? Frau Klöcker.

Wer will, dass vollverschleierte Frauen künftig daheim bleiben statt wenigstens das bisschen Freiheit, dass sie haben, nämlich die Teilhabe am öffentlichen Leben, zu leben, der fordere ein Niqab- und Tschador-Verbot in der Öffentlichkeit. Oder glaubt wirklich jemand, dass, nur weil der Chauvi daheim zu gemächlich ist, er seine Frau dann unverschleiert zum einkaufen schickt? Da gibt es doch noch andere Subalterne. Söhne, zum Beispiel. Und wer fordert ein Niqab- und Tschadorverbot? Frau Klöckner.

Wer Burkas verbieten will (Frau Klöckner), soll das gerne tun. Das zutiefst widerliche Kleidungsstück hat bisher glücklicherweise in Deutschland keine Verbreitung gefunden. Täte es das, gälte das gleiche Argument wie bei Niqab und Tschador.

Und Kopftücher? Darf man wenigstens Kopftücher verbieten? Nee, da sagt Julia Klöckner, dass Nonnen ja weiter ihren Habit tragen sollen. Hui. Man hätte sagen können, dass ein Kopftuch ja nun weder die Sicht einschränkt, noch den Blick aufs Gesicht, dass also Kommunikation sowie Sicherheit gewährleistet seien. Das wäre die vernünftige konservative Position. Julia Klöckners Position ist die anbiedernde: Ich will ja meiner Religionsgemeinschaft, die in Sachen bekloppt aussehende Bekleidung auch einiges drauf hat, nicht schaden.

Die Vollverschleierung ist, völlig richtig, kein Zeichen religiöser Vielfalt, sondern religiöser Einfalt. Sie sagt: Frauenkörper sind gefährlich. Das immerhin hat Julia Klöckner begriffen. Aber wenn ich jedes mir einfältig, dumm oder gar gefährlich erscheinende Kleidungsstück verbieten will, dann habe ich eines verloren: Die Liberalität und Toleranz des Grundgesetzes, das von Julia Klöckner immer hoch gelobt wird. Korrigiere: instrumentalisiert wird. Oder sie hat’s eben nicht verstanden. Kann ja auch sein.

Gleich darauf spielt sie die nicht gerade sonderlich grundgesetzkonforme „Ausländer raus“-Karte: Wer trotzdem seinen seltsamen Fetzen tragen will (muslimisch, versteht sich), der soll gefälligst aus Deutschland verschwinden. Und unterstellt damit wunderschön: Wer Muslim ist, muss Ausländer sein. Biodeutsche Muslimas? Ach, geh.

Besonders schön mit rassistischem Unterton: „ Wer aber Frieden, Sozialsysteme und Möglichkeiten unseres Landes in Anspruch nimmt, die andere Seite derselben Medaille aber ablehnt, ist hier falsch.“ Da wartet man direkt auf die baldige Abschiebung von NPD und AfD nach Neuschwabenland.

Dann kommt der übliche Schmodder von Parallelgesellschaften. Kurz gesagt: Es gibt welche. Schon immer. „Die Gesellschaft“ ist der Nazitraum vom reinen Volkskörper. Parallelgesellschaften sind voll okay. Abschottung und Nichtkommunikation zwischen diesen Gruppen machen Probleme. Aber Frau Klöckner bedient lieber die Sprache derer, die Abweichung von der Norm als Gefahr sehen.

“Integration ist eine Zumutung“, schreibt Julia Klöckner. Und hat recht. Insbesondere, wenn es um Integrationsbeiträge von Julia Klöckner geht.

 

Dirk Haas/AfghanistanMatters (Flickr/Wikimedia Commons; Creative Commons Attribution 2.0 Generic license)

 

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