Der schwarze Block als Helfershelfer der Reaktion

Vorrede:

Polizeigewalt? Geschenkt, ist bekannt. Und wird auch zur Genüge kritisiert. Himmel, selbst von der Bild. Gleiches gilt für Repressalien gegen die Presse. Kritik an Einsatzleitung und Politik dito. Aktionen gegen G20? Ja, bitte. Notwendig. Wichtig. Dazu zählen selbstverständlich auch Großdemos, passiver Widerstand und auch sich nicht alles gefallen lassen, was die Polizeiführung gerne durchgesetzt hätte.

Und zur Psychopathologie des deutschen Kleinbürgers, dessen eigene Gewaltphantasien beim Anblick brennender Autos keine Grenzen kennen, hat Marc-Uwe Kling schon alles gesagt: „,Ob Links-oder Rechtsextremismus – da sehe ich keinen Unterschied.’ ,Doch, doch’, ruft das Känguru laut dazwischen. ,Es gibt einen Unterschied. Die einen zünden Ausländer an, die anderen Autos. Und Autos anzünden ist schlimmer. Denn es hätte mein Auto sein können. Ausländer besitze ich keine.’“

Zur Sache:

So weit klar? Okay. Dann lassen wir jetzt mal jeglichen moralischen Aspekt beiseite. So fragen wie: Ob es vom Grundsatz her okay ist, jemandem den Schädel einzuschlagen. Die wirtschaftliche Existenz eines Menschen schwer zu gefährden oder gar zu zerstören – und das dürfte bei einigen der Fall gewesen sein, deren Kleinwagen brannten, deren Geschäfte nur noch qualmende Ruinen sind.

Bleiben wir auf der politischen Ebene – auf der Ebene jener, die da in Hamburg einen vermeintlich revolutionären Kampf führen:

Ziel des Revolutionärs im antikapitalistischen Kampf – ich unterstelle an dieser Stelle, dass sich ein größerer Teil des schwarzen Blocks, der Autonomen, so begreift – muss es sein, die Revolution herbeizuführen oder ihre Herbeiführung zumindest zu fördern. Dass es keine revolutionäre Stimmung im Lande gibt, dürfte so ziemlich jedem klar sein. Also bleibt das Fördern.

Dazu gehört sicherlich auch, „Sand ins Getriebe des Systems“ zu streuen, wie das immer so schön heißt. Bei Großveranstaltungen wie dem G20-Gipfeltreffen, einem herausragenden Symbol für das derzeitige ökonomische System und seinen politischen Überbau (Merkel, Trump, Xi, Putin und Co.) kann dies zum Beispiel durch mediale Aufmerksamkeit geschehen, die sich durch die Störung des Gipfelablaufs ergibt.

Noch viel wichtiger zum Herbeiführen einer irgendwie auch nur ansatzweise revolutionär gearteten oder doch wenigstens systemkritischen Stimmung ist es jedoch, Menschen von den eigenen, systemkritischen Positionen zu überzeugen. Es ist ja nicht so, dass Deutschland ein Land der großen linken Mehrheiten wäre (ein wenig Liberalisierung wie Ehe für alle ist nicht links sondern eben liberal, BGE zum Beispiel kann sogar neoliberal sein).

Das wird bei solchen Großveranstaltungen möglich, wenn über die Medien die Botschaft transportiert wird: Was beim G20-Gipfel passiert, ist nicht okay. Was beim G20-Gipfel passiert, schafft keine bessere Welt, sondern eine noch schlechtere. Wie Protest gegen den G20-Gipfel niedergehalten, erschwert und teilweise unterdrückt wird, ist nicht okay. Das sind die Inhalte, die in den Köpfen ankommen sollten. In den Köpfen jener, die mit halbwegs offenen Augen durch die Welt laufen und sehen, dass vieles falsch läuft, aber das noch nicht in eigenem Engagement ausgedrückt haben.

Das hätte können in Hamburg transportiert werden. Und am Anfang sah es auch danach aus – zum Beispiel bei der lächerlich kleinlichen Frage, ob man in aufgebauten Zelten denn wohl auch Übernachten darf, bei Wasserwerfern, die versuchten, Leute von Dächern zu schießen.

Wurde es aber nicht und wird es wohl auch nicht mehr.

Der Grund dafür: Marodeure, die durch bürgerliche und alternative Viertel der Stadt laufen und eine Schneise der Zerstörung hinterlassen. Diese Bilder sind starke Bilder. Nur eben nicht im Sinne derer, die dafür verantwortlich sind. Sie helfen all jenen, die das derzeitige Wirtschaftssystem verteidigen, sowie auch jenen, die schwer errungenen bürgerlichen und sozialen Freiheiten gerne auch wieder ein Stück zurückdrehen möchten.

Und damit helfen sie der politischen Reaktion.

Und zwar so: Liberale, konservative und reaktionäre Medien zeigen ausführlich, wie Autonome dabei sind, die wirtschaftliche Existenz von zum Beispiel Krankenschwestern, Ladenbesitzern, Ikea-Verkäufern etc. aufs Spiel zu setzen. Indem sie Kleinwagen abfackeln, Geschäfte zerstören.

Ob dafür die Versicherungen einstehen, ist dabei zweitrangig. Bei den so Geschädigten wird nur hängenbleiben, dass die extreme Linke ihnen verdammt viel Ärger bereitet hat. Dass sie sie verdammt in die Bredouille gebracht hat. Dass sie sie im schlimmsten Falle verdammt viel Geld kostet oder ihre wirtschaftliche Existenz vernichtet hat. Und das auch im eher alternativen Hamburger Schanzenviertel. Damit schädigen jene vermeintlichen Revolutionäre Menschen, die sie eigentlich erreichen sollte – nicht gefährden: einfache Arbeiter und Angestellte, kleine Selbstständige, liberales Bürgertum.

All diese Bilder und all diese Gefühle entstehen, weil Menschen, die sich selbst als Revolutionäre begreifen, dies machen. In genügend großer Zahl. So groß, dass man das nicht mehr als Taten von einigen Spinnern abtun kann.

Diese Bilder und Berichte, diese Gefühle fördern keine systemkritische Stimmung von Seiten großer Teile der Bevölkerung, die sich meist in die Lage der so Geschädigten gut hineinversetzen kann, sondern im Gegenteil, mindern sie stark. Sie sind die besten Helfershelfer der Reaktion, deren Vertreter sich nun zurücklehnen mit zufriedenem „Ich hab’s euch doch schon immer gesagt“-Gesicht zurücklehnen können. Denn wenn die Exponenten der Systemkritik die Systemkritik durch ihre Aktionen diskreditieren, diskreditieren sie eben auch die Kritik selbst. Das ist nicht logisch, wohl aber menschlich.

„Der Revolutionär muss sich in den Volksmassen bewegen wie ein Fisch im Wasser“, sagte Mao Zedong. Die vermeintlichen Revolutionäre und tatsächlichen Helfershelfer der Reaktion auf der extremen Linken können noch nicht mal schwimmen.

 

Foto: Stefan Butz (Blick ins Schanzenviertel, so vor einigen Wochen)

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