Rachepornos: auch an der Nahe längst üblich

Kreis Bad Kreuznach. Es geht um Vertrauen. Und um den Missbrauch von Vertrauen. Um das Zerstören von Existenzen. „Revenge Porn“, auf Deutsch Rache-Pornos, sind längst auch an der Nahe angekommen. Und da längst nicht nur in den Städten, berichtet Erster Kriminalhauptkommissar Dietrich Gödker von der Polizeiinspektion Bad Kreuznach. Gut ein halbes Dutzend Mal ermittelten Gödker und seine Kollegin, Kriminalkommissarin Jasmin Sauter, im vergangenen Jahr zu diesem Thema. Rache-Porno: Das ist der Oberbegriff für intime Fotos und Videos, die gegen den Willen der Betroffenen online gestellt werden. Das reicht vom Oben-Ohne-Foto bis hin zum privat gedrehten Sexfilm.

Betroffen davon sind in den allermeisten Fällen nur Frauen, sehr oft auch sehr junge Frauen und Mädchen, wissen Sauter und Gödker. Täter sind hingegen entweder ihre Ex-Freunde, die sich auf diese Weise an ihren Verflossenen rächen wollen. „Das ist bei Jugendlichen und Heranwachsenden leider fast üblich“, weiß Staatsanwältin Christine Mossem von der Staatsanwaltschaft Bad Kreuznach. Eine weitere Variante besteht darin, mit der Veröffentlichung des Materials zu drohen, wenn die Beziehung nicht aufrechterhalten wird, wenn es nicht weiter Sex gibt, fügt sie an. Täterkreis Nummer drei: Das sind Männer, die sich – oft unter Angabe falscher Personendaten – in Online-Chats junge, naive Mädchen suchen und ein Vertrauensverhältnis aufbauen, bis die Mädchen das machen, was sie wollen: ihnen Nacktfotos oder gar Filmmaterial zusenden, berichtet Gödker. Denn für solches Material gibt es einen Markt.

Und dann gibt es noch das schulische Umfeld. Dort treffen diese Fotos die Betroffenen direkt, setzen sie im Bekanntenkreis herab, lassen sie zum Mobbing-Opfer werden. Und eben so, dass sie es auf jeden Fall mitbekommen. Und so landen diese Fälle dann bei Polizei und Staatsanwaltschaft, weiß Christine Mossem.

Eine der weltgrößten Seiten zum Thema Racheporno hat seine Server auf den Syechellen stehen und einen Provider aus den Niederlanden. Dort findet man allerlei Material und auch Anfragen wie „Gibt‘s hier was aus der Bad Kreuznacher Gegend? Womöglich was von der …? Auf dem alten Server gab es ein paar Fotos von ihr…“ Oder: „Haha, ist das in Bad Münster-Ebernburg? Hat jemand etwas von … aus Bad Sobernheim?“ (Texte leicht abgeändert, Namen der Redaktion bekannt). Bei der lokalen Polizei und Staatsanwaltschaft hat man diese Seiten nicht im Blick, konzentriert sich auf die Anzeigen, die eingehen.

Das Darknet, der Teil des Internets der nur mit dem alle Nutzer anonymisierenden Tor-Browser erforscht werden kann, werden ebenfalls allerlei Rachepornos angeboten. Oft reichen aber auch schon ein ausländischer Blog ohne Impressumspflicht oder gar der Messenger WhatsApp, die Blog-Plattform Tumblr oder schlicht Facebook. Denn während die Social-Media-Plattform Nacktheit gar nicht gerne sieht, ist der Messenger eben auch nur eine Chat-Plattform.

Gödker geht von einem großen Dunkelfeld aus – also davon, dass nur die wenigsten Mädchen und Frauen den Gang zur Polizei wagen. Das kann auch Heinz Günter Brill vom Weißen Ring bestätigen. Die Bad Kreuznacher Außenstelle der Opferhilfe-Organisation ist als Kooperationspartner der Polizei mit der Materie ebenfalls vertraut.

Suaters und Gödkers Tipp: Nichts Intimes übers Internet versenden. Das sagt sich leicht. So mancher Dienst gaukelt auch Sicherheit vor. Snapchat zum Beispiel löscht Snaps, wie die Beiträge dort heißen, nach einer gewissen Zeit automatisch und meldet, falls jemand einen Screenshot, ein Bildschirmfoto, von diesem Beitrag macht. Was sich sicher anhört, ist es nicht. Es gibt immer einen Weg.

Egal wie dieser Vertrauensbruch geschieht: Er ist auf jeden Fall strafbar, weiß Christine Mossem und verweist auf Paragraph 201a des Strafgesetzbuchs: die „Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen“. Bis zu zwei Jahre Gefängnis oder Geldstraße drohen – schon jenseits von Bedrohung, Nötigung oder Schlimmerem.

Das Strafgesetzbuch zum Missbrauch von Bildaufnahmen

Bis zu zwei Jahre Gefängnis oder Geldstrafe drohen demjenigen nach Paragraf 201 des Strafgesetzbuches, der von einem Menschen in einem geschützten Bereich ohne Wissen des betroffenen Fotos oder Filme erstellt oder hilflose Menschen aufnimmt, um sie so zur Schau zu stellen.

Dabei sind sowohl der Eigengebrauch als auch die Weitergabe an Dritte strafbar. Gleich strafbewehrt ist Bildmaterial, das zwar mit Zustimmung des Opfers entstanden ist, aber gegen dessen Willen anderen zugänglich gemacht wird.

Nacktheit generell, egal ob mit Schadensabsicht oder nicht, wird bei Bildaufnahmen bestraft, wenn die abgebildete Person minderjährig ist und die Aufnahmen kommerziellen Zwecken dienen. Schließlich gilt noch die generelle Regel, dass all jene Aufnahmen strafbar sind, die geeignet sind, „dem Ansehen der abgebildeten Person erheblich zu schaden“ – falls sie einer dritten Person zugänglich macht werden.

Nacktes Vertrauen – der große Fehler

Bad Kreuznach.Sarah fiel aus allen Wolken: “Du bist schon das dritte Mädchen, das mich anschreibt.” Die heute 21-Jährige war 19, als ihr klar wird: Ihre Freundin Lena gibt es gar nicht. Und auch nicht Tim, den getreulichen Online-Verwalter. Beides sind “Fake Accounts”, gefälsche Benutzerkonten, hinter denen jemand ganz anderes steckt. Und dieser Jemand hat seit Jahren massenweise Fotos und Filme, auf denen Sarah nackt ist. “Ich habe so eine Angst, dass diese Videos wieder auftauchen”, sagt die schmale junge Frau.

Alles fing 2013 an. Sarah (alle Namen von der Redaktion geändert) war ein Nachwuchsmodel, das seinen eigenen Instagramkanal hatte. Einer Lena gefallen ihre Bilder. Die beiden kommen online ins Plaudern, Vertrauen entsteht. Lena überredet die damals 17-Jährige, es doch einmal als Cam-Girl zu versuchen. Cam-Gilrs, das sind auf deutsch “Kameramädchen”, die in Dessous oder nackt online live auf Sendung und dabei auch auf Nutzerwünsche eingehen – teils bis hin zum Sex. Sarah entscheidet sich für die harmlose Variante: nur Haut zeigen. Von Lena wird sie darin bestärkt, geht auf eine der vielen Plattformen, meldet ein Konto an und lässt auf Lena Empfehlung Tim die Bilder und Videos verwalten. Dafür muss sie alles, was sie an Material erstellen lässt, auch an Tim senden.

Der macht seinen Job, das Geld, das sich Sarah erhofft hatte, fließt. Jedoch, ist sich die 21-Jährige heute sicher: Tim belässt die Fotos und Filme nocht auf der Webcam-Plattform, sondern verkauft das Material weiter – ohne Sarahs Zustimmung. Die Kooperation läuft volle zwei Jahre. Dann bekommt Sarah mitgeteilt, dass Tim verstorben sei. Und dann passiertd er erste Fehler: Der angeblich Verstorbene liked ein neues Foto von Sarah online. Hups. Sarah ist verwirrt. Ist Timm doch nicht tot? Oder stimmt etwas mit der ganzen Lena-und-Tim-Geschichte nicht? Ihr Misstrauen ist geweckt, nun hakt sie nach.

Schnell fällt ihr auf, dass noch eine zweite Lena in ihrem Sozialen Netzwerk unterwegs ist. Sie schreibt sie an. und erfährt, dass Lenas Identität missbraucht wurde, um andere junge Mädchen in die Falle zu locken. Sie, Sarah, sei bereits die dritte, mit der die echte Lena ein solches Gespräch führt. Eine direkte Anfrage bei Tim und der falschen Lena führt nur zu einem: Sarah wird von beiden geblockt, eine Kommunikation ist nicht mehr möglich. Sarah hat die typischen Anfängerfehler gemacht: Gutgläubig sein und davon ausgehen, dass Fotos und Filme nur im abgesprochenen Rahmen genutzt werden.

Dabei hätte sie misstrauischer sein können: Schon drei Jahre zuvor machte sie eine ähnliche Erfahrung: Chris, ein junger Erwachsener aus Brandenburg, chattet sie auf Facebook an. Skype-Gespräche folgen, Sarah verliebt sich. Der junge Mann fordert die damals 14-Jährige auf, ihr Dessousfotos zu senden. Sarah willigt ein, Chris will jedoch mehr. Als das Sarah zu viel wird und sie den Kontakt abbrechen will, droht er, die Fotos Freunden und Familie zu senden. “Das wurde echt creepy.” Immerhin: Da Sarah nicht mit Klarnamen unterwegs ist, bleibt die Familie außen vor. Aber die Freunde nicht.

In keinem Fall hat Sarah die Polizei verständigt. “Ich war ja noch minderjährig. Das wäre für ,meine Eltern eine Katastrophe gewesen”, erläutert sie. So haben Chris und Tim – oder wie immer sie auch heißen mögen – weiterhin Foto und Filmmaterial von Sarah. Und Sarah hat Angst. Angst, dass die Fehler einer Teenagerin auch weiter Einfluss auf ihr Leben haben.

Erschienen am 21.11.2017 in der Rhein-Zeitung, Ausgabe Bad Kreuznach (Oeffentlicher Anzeiger)

Foto: Fotolia/momius

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mensch oder Maschine? *